Ordensleben im Wandel

Interview mit Provinzoberin Sr. Katharina Kluitmann

Sr. Katharina Kluitmann.
Sr. Katharina Kluitmann.

Was war Ihre persönliche Motivation, in diese Gemeinschaft einzutreten?

Ich war 25, als ich nach meinem Theologie-Studium 1990 bei den Franziskanerinnen von Lüdinghausen eingetreten bin. Mein Wunsch war es, ein intensives geistliches Leben in Gemeinschaft mit anderen führen zu können und meinen Glauben und meine Überzeugungen weitergeben zu können. Dafür schien mir – und scheint mir noch heute – gerade unsere Gemeinschaft für mich genau passend.

Schon bei Ihrem Eintritt war in der Ordensgemeinschaft der Wandel spürbar, der fast alle tätigen Frauenorden seit Jahren betrifft: Sie selbst nennen das gerne "Unterjüngung".

Ja, denn es ist ja eigentlich keine "Überalterung". Unsere alten Schwestern sind unser Schatz – der fehlende Nachwuchs ist viel eher das Problem. Die wenigen Frauen, die alle paar Jahre zu unserer Gemeinschaft  stoßen, würden sicher auch lieber als Gruppe durch Postulats- und Noviziats-Zeiten gehen. Aber ich habe gelernt, mit dem Wandel zu leben und versuche, ihn mit meinen Mitschwestern verantwortlich weiter zu gestalten.

Also herrscht nicht dauernd bedrückte Stimmung in den Konventen angesichts fehlender Zukunftsperspektiven?

Fehlende Zukunftsperspektiven? Wir haben eine Zukunft! Gott ist unsere Zukunft, egal, wie es mit unserer Ordensprovinz weitergeht. Bedrückte Stimmung? Nein, ganz gewiss nicht! Wir empfinden uns als durchaus lebendig, offen für alles, was um uns herum geschieht und so engagiert, wie es jeder Einzelnen von uns möglich ist. Seit dem 1. Januar 2012 bin ich als Provinzoberin für unsere knapp 70 Schwestern verantwortlich und habe deshalb viele Einblicke in die Arbeit und Projekte, die von unseren derzeit sieben Konventen ausgehen. Natürlich wäre es schön, angesichts all der materiellen und seelischen Not, die man mit offenen Augen überall erblicken kann, noch mehr tun zu können. Aber wir erkennen unsere Grenzen, innerhalb derer wir allerdings unser Leben als sinnvolle Antwort auf unsere Berufung erleben.

Schwester Katharina im Gespräch.
Schwester Katharina im Gespräch.

Ihre Vorgängerinnen im Amt der Oberin haben diese Wandlung offenbar mit viel Gespür frühzeitig wahrgenommen und den Boden dafür bereitet, dass die Gemeinschaft heute nicht mit Immobilien und Institutionen belastet ist, die sie nicht mehr halten könnte.

Für diese realistische und seit inzwischen fast 50 Jahren vorausschauende Planung bin ich, ja, sind wir alle den Provinzoberinnen und Ökonominnen sehr dankbar. Die meisten Häuser, in denen wir leben, gehören uns nicht, so dass wir beweglich sind, weil wir eben wenig Ballast mit uns tragen. Die Balance zwischen den Wenigen, die Geld verdienen und den Vielen, die auf Pflege angewiesen sind, stimmt dank dieser Vorsorge. Sie macht es einfacher, sich dort zu engagieren, wo wir es sinnvoll finden, ohne dabei Löcher stopfen oder mehr Geld verdienen zu müssen.

Sich dort zu engagagieren, wo es sinnvoll erscheint – geben Sie uns dafür ein paar Beispiele aus dem aktuellen Leben des Ordens?

Sehr gerne. Eines unserer wichtigsten Anliegen ist die Gastfreundschaft. Das Antoniuskloster in Lüdinghausen etwa ist ein offenes Haus für Menschen, die dort mit uns Gottesdienst feiern, mit den Schwestern sprechen möchten oder die dort angebotenen Kurse besuchen. Auch in der Gastkirche in Recklinghausen, wo eine unserer Schwestern mitarbeitet, wird  Zuwendung gelebt. Und auch die Gestaltung der Gebetszeiten hier in Münster in der Überwasserkirche – etwa der meditativen Nachtgebete – ist so ein Stückchen gastliches Angebot an Menschen.

Zudem gehen wir zu den Menschen hin, viele von uns sind ehrenamtlich in Krankenhäusern, Hospizen, bei Hausbesuchen aktiv.

Motoradwallfahrt zum Antonius-Kloster im September 2013.
Motoradwallfahrt zum Antonius-Kloster im September 2013.

Was können Sie in Ihrer Funktion als Provinzoberin zur Gestaltung des Wandels in ihrer Gemeinschaft beitragen? Anders gefragt: Müssen Sie gegen Frust und Mutlosigkeit anarbeiten oder treffen Sie auf Bereitschaft, die Veränderungen mitzutragen?

Wir alle sind auf Wegen unterwegs, die erst beim Gehen entstehen – niemand weiß so genau, wohin sie führen. Aber unser Vorteil als Gemeinschaft ist es ja, dass wir gemeinsam auf dem Weg sind, dass wir uns als franziskanisch geprägte Frauen bewusst auf Neues einlassen können und Flexibilität eingeübt haben. Die spirituelle Grundlage, auf der wir unser Leben eingerichtet haben, die "Buße" in unserem Ordensnamen, sorgt für Veränderungsbereitschaft – denn Gott wird sorgen, für uns und durch uns.

Dennoch muss man als Oberin über die Zukunft nachdenken, über die Zusammenarbeit mit anderen Orden, vor allem aber auch über die notwendig werdende Kooperation mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die keine Ordensangehörigen sind.

Das ist so, aber auch das ist für unsere Gemeinschaft nichts Neues. Austausch über die Zukunft der Orden gibt es auf allen Ebenen, etwa bei der Deutschen Ordensoberen-Konferenz oder den regionalen Provinzoberinnen-Treffen. Ganz praktische Zusammenarbeit zwischen Ordensgemeinschaften praktizieren wir seit vielen Jahren: So gibt es schon lange gemeinsame Noviziatsprojekte mit anderen Gemeinschaften. Oder  ich denke an das Zusammenleben in einem Konvent wie in Recklinghausen mit anderen Ordensmännern und –frauen oder wie in Mönchengladbach mit indischen Schwestern. Und was die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter angeht: Hier gibt es schon lange ein vertrauensvolles Miteinander, etwa bei den Pflegekräften für unsere alten Schwestern. Wir können Arbeit abgeben, können Menschen hereinlassen und sie einbeziehen – das ist ein gutes Miteinander, das weit über Arbeit und Lohnzettel hinausgeht. Seit Anfang 2014 haben wir in Lüdinghausen eine externe Hausleitung. Und es geht gut!

Der Titel Ihrer Doktorarbeit über den Wandel in Ordensgemeinschaften lautete: "Die Letzte macht das Licht an". Ist das so?

Wir werden weiter älter werden und weiter schrumpfen, das ist sicher. Aber wir werden auch weiterhin ein sinnvolles Ordensleben führen können, gottverbunden und menschenverbunden. Und im Vertrauen auf Gottes Fürsorge werden wir den je nächsten Schritt sehen und gehen können. Der Rest ist SEINE Sache.

Intverview: Sommer 2014

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Auf dieser Seite haben wir für Sie einige "Klosterbegriffe" speziell für unsere Gemeinschaft erläutert. weiter

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