Citypastoral mit uralten Wurzeln

Gastkirche und Gasthaus Recklinghausen: Auf Augenhöhe mit denen am Rand

Sr. Judith Kohorst.
Sr. Judith Kohorst.

Sie frühstückt mit den "Freunden der Straße", geht einen Pilgerweg mit Trauernden und leitet einen kreativen Frauentreff. Sr. Judith Kohorst ist sicher, dass sie genau hierher gehört. In  Gasthaus und Gastkirche mitten in der Altstadt von Recklinghausen. Die Ordensfrau in Jeans und Pulli gehört zu den Franziskanerinnen von Lüdinghausen. Gerade deshalb passe sie so gut an diesen "franziskanischen Ort", an dem man mit den Armen, den Ausgegrenzten und jenen am Rande der Wohlstandsgesellschaft auf Augenhöhe lebt.

Unterstützung für Kranke oder Arme hat dort an der Heilige-Geist-Straße eine lange Geschichte: Anfang des 14. Jahrhunderts entstand ein Armen- und Pilgergasthaus, die zugehörige Kirche ist seit über 6oo Jahren in ihrer heutigen Gestalt ein Ort des Glaubens. "Vor rund 30 Jahren wurde die Idee der offenen Türen – eine sozial-diakonische, eine für spirituell suchende Menschen – neu belebt", beschreibt Sr. Judith "Citypastoral", also das Leben nahe bei den Menschen. "Genau deshalb gehöre ich für unsere Gemeinschaft, die ja diesen Aufrag besonders lebt, hier seit vier Jahren mit in die gemischte Kommunität von Ordenschristen und einem Priester".

Sr. Judith Kohorst ist gelernte Kinderkrankenschwester. "Dabei hatte ich die Idee, in ein Kloster zu gehen, eigentlich schon mit fünf Jahren", lacht sie in Erinnerung an diese frühe Berufung, auf die sie als junge Frau schließlich nach einer "Kloster-auf-Probe"-Zeit innerhalb eines Monats antwortete – ein Jahr später trat sie ins Lüdinghauser Kloster ein. Nach einer berufsbegleitenden Ausbildung zur Pastoralreferentin schließlich fand sie 2010 "ihren" franziskanischen Ort mitten in der Recklinghäuser Fußgängerzone. Auf Augenhöhe mit den Menschen, die finanzielle Not leiden, die in Alkohol und Drogen Auswege suchen, die straffällig geworden sind oder auf der Straße leben. "Wir sehen in erster Linie auf die unverlierbare Würde jeder und jedes Einzelnen und versuchen, mit unseren Mitteln Antworten auf die Herausforderungen unserer Zeit und des Evangeliums zu wagen".

Was Sr. Judith damit beschreibt, hat eine Fülle verschiedener Facetten, für die sich neben der "Stammbesetzung" des Gasthauses auch mehr als 2oo überwiegend ehrenamtlich Engagierte stark machen. Wenn sich um 7.30 Uhr die Türen des "Gasthauses" öffnen, stehen meist schon etliche Gäste davor, die sich ein kostenloses Frühstück abholen, die Kleiderkammer besuchen, duschen möchten oder sich einfach auf Ansprache, auf Begegnung und Wärme  freuen. Im Aufenthaltsraum läuft später der Fernseher, während das Mittagessen für einen geringen Obolus bereitet wird und die kleinen oder größeren Sorgen auf den Tisch kommen.

Projekttag Musik in der Gastkirche.
Projekttag Musik in der Gastkirche.

Eine Schuldnerberatung hilft, immer gibt es jemanden, der ein offenes Ohr für die Gäste hat. "Manches ist ähnlich, wie zu Zeiten von Franziskus", stellt Sr. Judith manches Mal fest: "Damals gab es die Majores, also die Adeligen und die reichen Kaufleute auf der einen Seite, und eben die Minores, das gemeine Volk, das in seinen Alltagssorgen schier unterging. Franziskus hat seine Brüder bewusst ‚Fratres Minores‘, Minderbrüder genannt." Als "mindere Schwester", eben Schwester auf Augenhöhe mit den heutigen "Minores", fühlt sich auch Sr. Judith Kohorst am genau richtigen Platz.

Doch nicht allein die Freunde von der Straße oder die verschämten Armen finden den Weg ins Gasthaus und die benachbarte Kirche: Vernetzung, Information, Kursangebote oder Trauerbegleitung, für jeden interessierten Menschen hat das Zentrum ein Angebot. Und auch in der schmucken Kirche mit ihrem Platz für Stille, für das offene Ohr in den Sprechstunden, mit den Benefiz-Konzerten zur Finanzierung der Arbeit oder den besonderen Gottesdiensten zu Themen wie AIDS, zu Scherben im Lebensweg oder der Flüchtlingsproblematik haben Lebenswirklichkeiten ihren Raum. "Bei uns dürfen alle so sein wie sie sind" sieht Sr. Judith die Besucherinnen und Besucher immer als Gäste – "denn sie sind Gottes Gäste". Egal, ob sie dabei im Gasthaus oder in der Gastkirche von ihrem oft so mühsamen Alltag ausruhen.

Sommer 2014

Link:
www.gastkirche.de

 

 

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